Das GANZE Werk - Presseschau

Berliner Zeitung, 27. September 2000

Radio 3-Sendung „Alte Musik - Morbach live“

MOSÁR

Diese Wachheit begeistert und von dieser Art Neugierde würde ich gerne angesteckt

Von Arno Widmann

Mich hat noch keine Rundfunkanstalt gefragt, was ich im Radio gerne höre. Sie fragen andere. Sie fragen die, die es gerne laut, schnell und dumm haben.

Ich höre gerne „Alte Musik - Morbach live“. Nicht weil ich ein so großer Fan alter Musik wäre. Ich höre die Sendung gerne, weil mir etwas erklärt wird. Und zwar von jemandem, der zwar weiß, wovon er redet, der aber nicht blasiert und abgeklärt aus seinen Vorräten in Gönnerlaune etwas an die dumme Plebs abgibt, sondern der sich selbst noch auf Entdeckungsreise befindet. Bernhard Morbach lässt sich gerne überraschen. Er freut sich über neue Entdeckungen und er freut sich, uns, seinen Hörern, davon zu erzählen. Das können neue Einspielungen sein, aber ebenso erregt ihn, was er in alten, ihm scheinbar längst vertrauten Aufführungen Neues entdeckt. Diese Wachheit begeistert und von dieser Art Neugierde würde ich gerne angesteckt.

Sie hat einen großen Nachteil. Sie nimmt einem jede Freude an den aufgeplusterten Superlativen, die die meisten Radiosendungen - vor allem aber Klassik-Radio - unerträglich machen. Was einem dort inzwischen an Inkompetenz zugemutet wird, wird in einer besseren Welt mit Höllenstrafen belegt werden. Ein junger Mann, der mit vor Begeisterung überschlagender Stimme vom „unvergleichlichen Genie Mosar“ spricht, mag einem Intendanten himmlische Freuden wo auch immer bereiten, vom Mikrofon sollte er mit Peitschenschlägen vertrieben werden. (...)