Das GANZE Werk - Presseschau
Je besser der Chor, desto leiser kann er singen
NDR-Chor: Hans-Christoph Rademann führte die Sänger wieder an die Spitze. Jetzt verlängert er seinen Vertrag.
Von Marcus Stäbler
Hamburg - Wer ihm bei der Probenarbeit über die Schulter schaut, könnte Hans-Christoph Rademann glatt für einen Skulpteur halten: Mit seinen feingliedrigen Händen scheint der Leiter des NDR-Chors den Raum in verschiedene Schichten zu unterteilen, um abwechselnd Figuren von geometrischer Klarheit und weich geschwungene Linien in ihn hineinzuzeichnen - ganz so, als modelliere er ein abstraktes Gebilde. Passenderweise betrachtet der gebürtige Dresdner, Jahrgang 1965, seinen Beruf dann auch explizit als Handwerk: "Wenn man es gut macht, klappt es auch."
Er selbst hat es von der Pike auf gelernt - während der achtjährigen Mitgliedschaft im Kreuzchor seiner Heimatstadt, in dem er vom Knabensopran zunächst zum Alt und später zum Tenor wurde - und zählt längst zu den Meistern seiner Zunft, wie bei den Konzerten des NDR-Chors immer wieder zu hören ist: Seit Rademann 1999 zum Chordirektor ernannt wurde, konnte sich der Klangkörper nach einer Phase ohne festen Chef allmählich zu einem internationalen Spitzenensemble (zurück-)entwickeln.
Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: "Der Klumpen Gold, der der Chor schon immer war, der aber zwischendurch ein bisschen matt geworden ist, ist nun wieder glatt poliert."
In zahlreichen Registerproben hat er die großen, solistisch ausgebildeten Stimmen der vierzig Sängerinnen und Sänger wieder zu einer Einheit geformt, ohne deren Eigenheiten zu opfern. So hält er etwa die "herrliche Piano-Kultur des Chors" für typisch: "Je besser ein Chor ist, desto leiser kann er singen."
Nach den ersten vier Jahren seiner Amtszeit kann der europaweit viel gefragte Dirigent eine positive Bilanz ziehen: "Hier hat eine echte Entwicklung stattgefunden, die sehr schöne Früchte trägt." Rademann wird jetzt seinen Vertrag bis ins Jahr 2006 verlängern - ein ausgesprochener Glücksfall für den Chor und den NDR.
Unter Rademanns Händen hat der Chor nicht nur seine Kompetenz für die Interpretation romantischer und zeitgenössischer Literatur unter Beweis gestellt, sondern konnte sich auch als herausragendes Alte-Musik-"Instrument" profilieren: Die denkwürdigen Aufführungen von Bachs Johannes-Passion Anfang 2002 oder Händels "Jephta" 2003 bescherten reichen Beifall von Publikum und Fachwelt. Dafür, dass er diese nicht immer kostengünstigen Projekte in Zusammenarbeit mit renommierten Barockorchestern auch in Zukunft weiterführen kann, ist Rademann dem NDR sehr dankbar.
Doch selbstverständlich bleibt auch das A-cappella-Repertoire ein Schwerpunkt. Wie es Rademann gelingt, seine Vorstellungen von einer farbenreichen Klangmischung, von einem strukturell durchdachten, transparenten und doch emotional warmen Musizieren zu erreichen, können die Besucher des Schleswig-Holstein Musik Festivals an diesem Sonnabend nachvollziehen: Dann gibt der Chor sein traditionelles Nachtkonzert im Lübecker Dom.
- Dom zu Lübeck, 19. 7., 22 Uhr. Werke englischer Komponisten von Purcell über Vaughan Williams bis zu Thomas Adès (geb. 1971).
Hamburger Abendblatt, 19. Juli 2003
Siehe auch:
Solidarität mit Rademann Offener Brief des Harvestehuder Kammerchores, Hamburger Abendblatt, 18. Dezember 2003
Vertrauensfragen Vertrag mit Rademann wird nicht verlängert. Hamburger Abendblatt, 12. Dezember 2003
Misstöne hinter den Kulissen Wird Vertrag mit Rademann doch nicht verlängert? Hamburger Abendblatt, 11. Dezember 2003

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