Das GANZE Werk - Presseschau
Wenn die Musik stirbt
Kommentar auf Seite 1 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kurzfassung (Allgemeines und Teil zum Hörfink)
Von Wolfgang Sandner
"Die Gesellschaft verzeiht oft dem Verbrecher, niemals aber dem Träumer. Die schönen, zweckfreien Stimmungen, die die Kunst in uns weckt, sind ihr verhaßt." Oscar Wilde, der kluge Dichter im Zynikerpelz, hat seinen Finger auf die richtige Stelle gelegt. In Krisenzeiten aber verstärkt sich der Argwohn gegen die Träumer noch. Naturgemäß, würde Thomas Bernhard sagen. Denn wie in der Geschichte von der Feldmaus Frederic, die im Sommer offenbar nur herumlungert und Farben und Klänge sammelt, während die anderen Mäuse Vorräte für den Winter anlegen, wird dann sehr schnell die Frage gestellt: Und was machst du für uns? Aber die Antwort der Kindergeschichte bleibt in der Erwachsenenkrise aus: Ich unterhalte euch mit meinen klangfarbenfrohen Geschichten in der kalten Jahreszeit, wenn die Vorräte aufgebraucht sind und die Depression sich in euren grauen Mäusegesichtern zeigt.
Wer wollte heute ernsthaft bestreiten, daß der Staat auch in der Kulturpolitik sparen müßte? Die Frage ist nur, ob die Krise nicht der Gesellschaft auch als Vorwand dient, ein paar unliebsame Träumer loszuwerden. Der Eindruck drängt sich zumindest auf bei der immer schneller galoppierenden Orchesterschwindsucht und den Diskussionen über die Preisgabe von gewachsenen Kulturinstitutionen...
... Wer da immer noch beschwichtigend vom Paradies für Orchestermusiker spricht, um das uns das Ausland beneide, dem sei ein etwas verrückt anmutendes, aber dennoch überlegenswertes Zahlenspiel unter die hochgereckte Nase gehalten: Sechzehn Sinfonieorchester für fünf Millionen Einwohner wie in Finnland entsprächen pro Kopf gerechnet mehr als zweihundertfünfzig Orchestern für achtzig Millionen Einwohner in Deutschland. Tatsächlich sind es aber mittlerweile nur noch einhundertvierzig. In ähnlicher Weise hat vor Jahren schon der Schweizer Musiker und Autor Urs Frauchiger das Spiel mit Zahlen ad absurdum geführt, als er der ebenso aberwitzige Züge annehmenden Diskussion in Rundfunkanstalten, man müsse dem allgemeinen Hörerwunsch nach populärer Musik mehr Rechnung tragen, entgegenhielt: Wenn tausend Hörer Pop wollten und ein Hörer klassische Musik, dann bedeute das nicht, der Rundfunk müsse tausendmal soviel Pop wie Klassik ausstrahlen. Eine Stunde Klassik und eine Stunde Pop wären in diesem Falle eine demokratische Entscheidung und zugleich ein Minderheitenschutz. Denn die tausend Popfans würden mit ihrer gleichzeitig gehörten Sendung in derselben Weise bedacht wie der einsame Klassikliebhaber.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2004, Nr. 284 / Seite 1

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