Das GANZE Werk - Presseschau

Hamburger Abendblatt, 14. Mai 2005

Boulevard und Bildung

Klassen: Paul Nolte hat
den Begriff des Unterschichtenfernsehens erfunden

Was hat der Bremer Historiker damit gemeint?

Von Jens Meyer-Odewald

Bremen - Wer den ganz alltäglichen Fernseh-Wahnsinn in konzentrierter Form bestaunen will, zappt am Dienstag nach Pfingsten treffsicher bei Super RTL rein: In gleich zwei "voll total"-Sendungen nacheinander (22.10 und 22.40 Uhr) werden die schrillsten Szenen und schrulligsten Schoten aus der Talkshow-Welt wiederholt. Auch wenn man's kaum glauben mag: Da ist nichts getrickst - alles ist echt.

Genau an dieser Quelle wird Lästermaul Harald Schmidt fündig, wenn er das "Unterschichtenfernsehen" ironisch ins Visier nimmt. Tenor: Die da oben sehen ARD und ZDF, die da unten Sat.1, RTL & Co. Dabei hatte der eigentliche Urheber dieses Begriffes, Geschichtsprofessor Paul Nolte (42) aus Bremen, in seinem Bestseller "Generation Reform" wertfrei und sachlich ein gesellschaftliches Phänomen charakterisiert. Die Klassengesellschaft, so seine These, dokumentiere sich auch hinsichtlich der Fernsehgewohnheiten. Während in Wirtschaftswunderjahren einig Deutschland öffentlich-rechtlich blickte, habe heute jede soziale Schicht ihren Haussender.

"Früher war die Aufstiegs- und Bildungsbereitschaft gerade im unteren Gesellschaftsbereich wesentlich größer", sagt Nolte. "Jetzt bewegen sich die Gruppen gerne in ihrem jeweiligen Niveaufeld." Oftmals reiche es aus, einen Menschen aus der Zielgruppe zu wählen und vor die Kamera zu setzen. Das Ergebnis seien Sendeformen wie Doku-Soaps, Reality-TV oder Telenovelas. "Big Brother", die "Hammer-Soap" oder "Vorsicht Baustelle", alles am kommenden Dienstag auf RTL 2 zu sehen, lassen grüßen.

Umfragen belegen Noltes Ansicht: Je höher das Einkommen, desto klarer die Präferenz für ARD und ZDF (siehe Grafiken). Mit sinkendem Gehalt steigt das Faible für das Boulevard-Fernsehen. Und zwar intensiv: Arbeitslose sehen im Schnitt täglich fünf Stunden und 17 Minuten fern - anderthalb Stunden mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. "Das Fernsehen zeigt einen gefilterten Niederschlag der Gesellschaft", meint Paul Nolte.

Ebenso wie Sex- und Gewaltwelle fast unbemerkt abgeebbt seien, erwartet Nolte in Zukunft zwar konstantes Niveau im öffentlich-rechtlichen Sektor, jedoch Veränderungen im "Unterschichtenfernsehen". Nach seiner Prognose hat der Prozeß der Aufteilung in immer mehr Sender (RTL, RTL 2, Super RTL) eine Sättigungsgrenze erreicht. Dagegen erwartet er eine Zunahme der Aspekte Erziehung und Ernährung auf den privaten Kanälen. Der Trend gehe in Richtung Koch-, Ernährungs- und Einkaufs-Shows. Nolte: "Grundsätzlich wird die Schere zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten nicht noch weiter auseinandergehen."

Zur Zeit sind die Unterschiede gewaltig. Noch einmal das Beispiel 17. Mai. Die ARD bietet das Wirtschaftsmagazin "Plusminus" und eine halbe Stunde "Tagesthemen", das ZDF zur Hauptsendezeit eine Reisereportage aus Australien und um 22.30 Uhr einen Schwerpunkt über die Lernfortschritte eines spastisch gelähmten Mädchens. Zeitgleich offeriert RTL 2 "Zeigt her eure Beete - Heimwerker sehen grün", und Pro Sieben will mit einer "Dramedyserie" Quote gewinnen. Die von Harald Schmidt lustvoll und mit einem gewissen Dünkel behaftete Diskussion über das "Unterschichtenfernsehen" verfolgt Professor Nolte mit Humor. Immerhin hat Noltes ursprüngliche Begriffskonstruktion gute Chancen, zum "Wort des Jahres" gewählt zu werden.

Paul Nolte: "Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik",
C. H. Beck Verlag München, 256 S., 12,90 Euro

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