Das GANZE Werk - Presseschau

Berliner Zeitung, 18. Juli 2005

In der ARD gibt es viele kleine und mittlere Fürsten - in den einzelnen Fürstentümern wird kräftig gemauert

Im Schattenreich

Schleichwerbung, Korruptionsvorwürfe und kein Ende:
Die ARD befindet sich in ihrer schwersten Krise

Rainer Braun und Ralph Kotsch

Die Öffentlichkeit verfolgt in den letzten Wochen fassungslos die Skandale in der ARD. Wenn die Hauptausgabe der „Tagesschau“ - wie am vergangenen Donnerstag - gleich doppelt und dreifach die Negativ-Schlagzeilen in eigener Sache vermelden muss, ahnt auch der brave Gebührenzahler, dass die Schieflage des Ersten bedenkliche Ausmaße erreicht hat. Über Jahre hat die ARD-Tochterfirma Bavaria mit Product Placement und Schleichwerbung Millionen erlöst, und keiner der Verantwortlichen will etwas gewusst haben. Ähnliche lange haben auch die Sportschefs Jürgen Emig und Wilfried Mohren sich offensichtlich kräftig die eigenen Taschen gefüllt, in dem sie Vereine für die Übertragung ihrer Sportart zahlen ließen. Bemerkt haben will auch in diesen Fällen niemand etwas, nicht beim Hessischen Rundfunk, nicht beim Mitteldeutschen Rundfunk, erst recht nicht in anderen Teilen der ARD.

Damit ist eines der Kardinalprobleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angesprochen. Es wird deutlich, dass die Kontrollmechanismen in den Sendern nicht funktionieren. Landesrechnungshöfe, Gebührenkommissionen, Rundfunk- und Verwaltungsräte, in denen auch viele Politiker sitzen, schaffen es nicht, den ARD-Leuten auf die Finger zu schauen. Hinzu kommt, dass manche ARD-Chefs offenkundig auch nicht so genau wissen wollten, was in der Bavaria und anderswo geschah. Denn seit 2003 gab es genug Anlässe, sich in eigener Sache schlau zu machen. Da hatte der epd-Redakteur Volker Lilienthal im Detail enthüllt, wie Schleichwerbung bei der ZDF-Serie „Sabine!“ funktionierte. Und schon damals recherchierte der Journalist ähnliche Praktiken im Umfeld der ARD. Das war der Führungsetage bekannt. Passiert ist jedoch nichts.

Nun befindet sich die ARD in ihrer schwersten Krise und viele der leitenden ARD-Herren geben sich überrascht. Ihre Ahnungslosigkeit muss man nicht ernst nehmen. Überraschend ist allenfalls das Krisenmanagement. Die föderale Struktur der ARD bringt es mit sich, dass man keinen Hauptschuldigen ausmachen kann. Wo in anderen Unternehmen Intendanten und Geschäftsführer die Gesamtverantwortung tragen, gibt es in der ARD nur viele kleine und mittlere Fürsten, von denen einer im Reich des anderen nichts zu sagen hat. Und in den einzelnen Fürstentümern wird kräftig gemauert. Da kann oder will der Pressesprecher des Hessischen Rundfunks über Tage nicht sagen, womit Jürgen Emig zuletzt beschäftigt war. Sein Kollege von der Bavaria kann keine Auskunft über das Unternehmen geben.

Die ARD ist gut beraten, schnell und ergebnisoffen alle Vorwürfe aufzuklären. Die Ereignisse bei der Bavaria deuten darauf hin, dass hier ein öffentlich-rechtliches Schattenreich entstanden ist. Gefordert ist deshalb eine Struktur-Reform bei der Bavaria, die Kontrollen stärkt und sich gegenüber den Rechnungshöfen nicht verschließt. Gerade wer die Rolle der Bavaria als renommiertes Produktionsunternehmen erhalten will, kann es nicht bei personellen Konsequenzen oder Vertragsstrafen bei Verstößen gegen Schleichwerbung belassen.

Gefragt ist die ARD zugleich dort, wo es um ethische Fragen der hausangestellten Journalisten geht. Offenbar genügt vielen Angestellten ihr Gehalt nicht mehr. Längst üblich geworden sind Nebentätigkeiten, mit denen Moderatoren und Kommentatoren ihre Popularität vermarkten. Das tun sie nicht heimlich, sondern mit Genehmigung ihrer Chefs. Interessenkonflikte sind dabei nicht auszuschließen. Erinnert sei nur an den Fall des ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf, der Werbeveranstaltungen für die Telekom moderierte und zugleich das Radsportteam des Unternehmens bei der Tour de France journalistisch begleitete. Nachdenken sollten die Damen und Herren Intendanten auch darüber, warum gerade der Sport-Journalismus so affin für Affären ist, wie jetzt die Fälle Emig und Mohren zeigen. Vielleicht wachsen die Begehrlichkeiten gerade dort, wo die Grenzen zwischen seriösem, unabhängigen Journalismus und Jubel-Arien fließend geworden sind, wo Sender, Sponsoren und Veranstalter vermeintlich im selben Boot sitzen. Die einen wollen Quote, die anderen Geld. Da hält mancher gern die Tasche auf.