Das GANZE Werk - Presseschau
Frankfurter Rundschau, 23. Juli 2005
Rückblick
Clevere Inszenierung
Eine TV-Debatte über Schleichwerbung im WDR
Von Reinhard Lüke
Möglich, dass Fritz Pleitgen selbst auf die Idee gekommen war. Angesichts täglich neu aufgedeckter Fälle von Schleichwerbung im ARD-Programm, geschmierter Sport-Journalisten und eines nicht eben professionellen Krisenmanagements beraumte der WDR-Intendant am Donnerstag zur besten Sendezeit eine denkwürdige Sendung an. In Hörfunk und Fernsehen hatte der Chef die Tatort Schleichwerbung betitelten 45 Minuten massiv beworben.
Was sollte das werden? Eine öffentliche Beichte oder gar Selbstkasteiung? Oder eher eine Art Schauprozess, um sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Es wurde eine Mischung aus beidem. Schließlich übt sich Fritz Pleitgen seit Wochen im Spagat zwischen Angeklagtem (als Intendant des Senders, der größter Gesellschafter der in Verruf geratenen Bavaria ist) und Aufklärer. In diesem Zusammenhang war die Sondersendung ein cleverer Schachzug. Wozu auch gehört, dass er sich mit Volker Lilienthal jenen Mann ins Studio geholt hatte, der durch seine Recherche den Stein in Sachen Product Placement erst ins Rollen gebracht hatte. Der hätte nun sicher das Zeug gehabt, den Intendanten in einen knifflige Disput zu verwickeln. Aber so war die Sendung nicht gedacht. Die beinharte Befragung übernahm WDR-Moderatorin Bettina Böttinger und Pleitgen umarmte seinen Kritiker (symbolisch), indem er sich gleich mehrfach für dessen Recherchen bedankte und deren Ergebnisse gleich selbst vortrug.
Und dann sollten ja auch noch Zuschauer zu Wort kommen. Die zeigten sich an dem Thema nur mäßig interessiert wollten mehrheitlich zu hohe Rundfunkgebühren reden. Als dann einer Pleitgen nach seiner persönlichen Verantwortung fragte, beteuerte dieser einmal mehr, erst im April von den Vorwürfen erfahren zu haben räumte dann immerhin ein, dass ihn das in puncto Aufsichtspflicht bei der Bavaria „nicht ganz entschuldige“. Immerhin. Nein, Fernsehhistorie in Sachen Medientransparenz wurde am Donnerstag nicht geschrieben. Eher war die Veranstaltung ein Lehrstück, was einem versierten Print-Journalisten widerfahren kann, wenn er sich in solch eine Fernsehinszenierung begibt. Wobei eindeutig für Lilienthal spricht, dass ihm der Hang zu eitler Selbstdarstellung abgeht. Man stelle sich nur einmal vor, zu welcher Bildschirmpräsenz es in den letzten Wochen Hans-Ulrich Jörges oder Hans Leyendecker gebracht hätten, wenn ihnen ein vergleichbarer journalistischer Scoop gelungen wäre.
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