Das GANZE Werk - Presseschau

Berliner Zeitung, 30. Juli 2005

Unglaublich und doch wahr - eine öffentliche öffentlich-rechtliche Werbeshow

Vorbemerkung: Nach Auskunft der Autorin des Artikels war die besprochene Fernsehsendung Mitte Juni, also vor Beginn des Schleichwerbungsskandals, aufgezeichnet worden. Die Firma Stage Holding bzw. Stage Entertainment „war an der Programmplanung beteiligt“. Aus den Gesprächen mit dem für die Sendung zuständigen Pressesprecher des ZDF ging hervor, dass er „ohne jedes Unrechtsbewusstsein“ war.

Butterfahrt mit dem ZDF

Schleichwerbung? Bei Carmen Nebels Musicalhits wird nicht geschlichen, sondern laut getrampelt

Von Birgit Walter

Die Nachbarin hat am Donnerstag im Fernsehen Carmen Nebel erlebt, die ihr die „größten Musicalhits aller Zeiten“ präsentierte. Sie hat gestaunt. Zum „zweitgrößten Musicalhit aller Zeiten“ wurde ein Song aus 𔄯 Musketiere“ gewählt, einem Stück, das derzeit in Berlin zu sehen ist. „Das ist mir doch glatt entgangen“, sagte die Musicalgängerin morgens am Gartenzaun, das Lied habe sie ja noch nie gehört. Eigentlich fand sie es auch „gar nicht besonders“, aber wenn das Stück so gut ankommt, wird sie sich gleich morgen Karten kaufen.

Es funktioniert. Die Szene ist leider nicht ausgedacht, die Nachbarin wird der in der Show deutlich ausgesprochenen Aufforderung folgen und „mal wieder ins Musical gehen“. Womöglich kauft sie dann auch die Doppel-CD mit den Musicalhits, die in 90 Minuten vier Mal beschwörend in die Kamera gerückt wurde. Nein, nicht in den Werbepausen, wir sind hier beim gebühren-finanzierten ZDF. Andererseits kann man dieser Sendung auch keine Schleichwerbung vorwerfen. Hier kam die Werbung nicht geschlichen, sondern getrampelt, ungeniert und ungetarnt.

Die Unlauterkeit des Wettbewerbs sollte mit einfältigen Tricks verborgen bleiben. Ungefähr siebenundneunzig Mal nämlich erzählte Frau Nebel, wie ungeheuer spannend es sei, wer diesen ungeheuer spannenden Wettbewerb um den größten Musicalhit aller Zeiten gewinnen werde. 100 Titel standen zur Wahl, 50 waren platziert. Sie sage nur so viel: an der Spitze werde es noch Überraschungen geben! Da würden sich manche Musicalfreunde wundern, und erst die Experten!

Und wem nutzt das alles?

Was soll man sagen, Frau Nebel hatte Recht. Ein unbekannter Titel, ein fades, uninspiriertes Nichts wurde der „zweitgrößte Musicalhit aller Zeiten“. Er heißt „Alles“ und stammt aus 𔄯 Musketiere“, läuft im Theater des Westens, das seither selten gut besucht sein soll. „Alles“ wird gesungen von zwei unscheinbaren Interpreten, darunter dem Superstar-Gewinner Alexander Klaws. Der Song verweist alle Favoriten auf die Plätze. „Somewhere“ in der Interpretation von Barbra Streisand (Platz 45), „Don't cry for me Argentina“ („Evita“, Platz 12), „Memory“ mit Angelika Milster („Cats“, Platz 4) und natürlich sämtliche anderen Titel aus großen Musicals wie „West Side Story“, „My Fair Lady“, „Porgy and Bess“, aber auch aus Langläufern wie „Grease“, oder „Phantom der Oper“.

Gute Arbeit, ZDF. Und wenn man fragt: Na, so entscheidet eben der Zuschauer. „Sie haben das ausgewählt!“ ruft Carmen Nebel und zeigt mit dem Finger auf das Publikum. 25 000 Zuschauer hätten sich an der Abstimmung beteiligt, darunter 14 000 im Internet, heißt es beim ZDF. Und wenn Fanclubs ihren Stars zu Diensten sein wollten? Tja, das Risiko bleibt.

Wem nutzen denn nun diese „überraschenden“ Entscheidungen des ZDF-Publikums? Zwölf der 16 erstplatzierten „größten Musicalhits aller Zeiten“ kommen aus Stücken, für die die Stage Entertainment in Deutschland die Rechte hat (bis Anfang der Woche hieß sie noch Stage Holding). Dazu zählen „Der König der Löwen“, „Cats“, „Phantom der Oper“, „Elisabeth“, 𔄯 Musketiere“ und „Mamma Mia!“. Tatsächlich ist auch „Mamma Mia!“ bei diesem “Wettbewerb“ vertreten, obwohl es sich hier um Abba-Songs reinster Prägung handelt, nicht etwa um Musical-Hits. Aber das ist doch dem ZDF egal.

Die Nummer eins, also der „größte Musicalhit aller Zeiten“ wurde das Lied „Totale Finsternis“ aus „Tanz der Vampire“ von Michael Kunze und Jim Steinman, es gehört zu den ganz wenigen großen deutschsprachigen Musicals, auch der Titel ist in Ordnung. Interessanter erscheint in dem Zusammenhang, dass der Sieger gerade in der Neuen Flora Hamburg zu sehen ist, in dem Theater, in dem auch das Fernsehen gastierte. Das Musical wie die Neue Flora gehören zur Stage Entertainment.

Ein Zufall, was sonst? Das ZDF hat hier ganz aufrichtig mit der Stage Entertainment „kooperiert“. Die Kooperation sah so aus, dass der Fernsehsender Miete gezahlt hat für die Neue Flora, „ganz normal“, sagt der Pressesprecher, und die Stage habe dann geholfen, die Künstler „zu besorgen“. Gut, das kann nicht schwer gewesen sein, die Stage sitzt ja an der Quelle.

Ist das nicht eine schöne Kooperation, wenn der deutsche Musical-Monopolist mit derzeit neun Stücken auf dem Markt so eine öffentlich-rechtliche Sendung gestaltet? Ach, sagt das ZDF, die Konkurrenz BB-Promotion sei auch dabei gewesen. „Stimmt nicht“, widerspricht Michael Brenner von BB-Promotion, „wir beteiligen uns nicht an einer Promo-Veranstaltung für die Stage-Holding“. Titel seines Musicals „We will Rock you“ wurden wie das meiste per Video eingespielt. Immerhin war Bocksch-Concerts mit einer „Hair“-Cast vertreten.

Hier soll nicht die Stage Entertainment schlecht geredet werden. Im Gegenteil - es ist gut, dass es das Unternehmen des holländischen Milliardärs Joop van den Ende gibt. Es veranstaltet Musicals nicht wie frühere Betreiber aus Immobilieninteresse, sondern sein Gegenstand ist das Theater. Es bietet mit aufwändigen, kommerziellen Stücken ein gleichbleibend hohes Niveau. Es verbraucht keine Subventionen und bespielt auch ansonsten leer stehende Theater. Vielleicht will das ZDF so ein gutes Unternehmen gern ein bisschen unterstützen. Dann soll es Sendeplätze verschenken, nicht aber publikumsverdummende Hit-Sendungen erfinden.