Das GANZE Werk - Presseschau (Dokumentation)
Braunschweiger Zeitung (newsclick.de), 19. August 2005
NDR-Sprecher Martin Gartzke über Schleichwerbung und Gegenmaßnahmen
„Zuschauer vertrauen auf unsere Unabhängigkeit“
„Schleichwerbung ist geeignet, dieses Vertrauen zu beschädigen“
Mit dem Hamburger NDR-Sprecher sprach Redakteur Martin Jasper.
In den Wirbel um Schleichwerbung ist der NDR durch eine Folge der Reihe „Landpartie“ geraten, in der ein Regisseur ein Lokal angepriesen hat, das seiner Lebensgefährtin gehört. Ist dies der einzige Fall?
Sicher ist, dass in diesem Fall kein Geld geflossen ist, weshalb es sich nach der juristischen Definition nicht um Schleichwerbung handelte. Der Fall, der beim NDR mit dem Thema in Verbindung gebracht werden kann, hängt mit der „Tatort“-Folge „Schattenhochzeit“ zusammen. Hier hat ein Mitarbeiter der Produktionsfirma Studio Hamburg zugegeben, von einer Lottogesellschaft nachträglich eine finanzielle Zuwendung eingeworben zu haben. Dieser - wohlgemerkt nachträgliche und damit untaugliche - Versuch wurde geahndet.
Wie geht der NDR mit solchen Fällen um?
Unsere Beteiligungsgesellschaft Studio Hamburg hat ihren Geschäftsführer Produktion, Frank Döhmann, fristlos entlassen. Bei der „Landpartie“ ging es nicht um Schleichwerbung, dennoch haben wir auch hier schnell gehandelt. Der Intendant hat der Revision einen umfassenden Prüfauftrag erteilt. Bis zur Vorlage des Ergebnisses ist der betroffene „Landpartie“-Autor für jede weitere Beschäftigung im NDR gesperrt. Und: Beide Sendungen werden in der Ursprungsfassung nicht mehr ausgestrahlt werden.
Welche Vorsichtsmaßnahmen trifft der NDR gegen Schleichwerbung?
Sie war und ist bei uns kein Geschäftsprinzip, d.h. es ist niemand ermuntert worden, zur Finanzierung von Sendungen Schleichwerbung zu akquirieren. Eine wichtige Barriere bildet das Vier-Augen-Prinzip: Alle wichtigen Geschäftsvorgänge müssen von zwei bevollmächtigten Personen gegengezeichnet werden. Bei Fernsehproduktionen sind dies je ein Mitarbeiter der Programmdirektion und der Produktionsdirektion.
Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem bei der Schleichwerbung?
Die Zuschauer vertrauen zu Recht auf die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - eine Unabhängigkeit nicht nur von politischen, sondern auch von kommerziellen Einflüssen. Schleichwerbung ist geeignet, dieses Vertrauen zu beschädigen.
Ist sie überhaupt vollständig zu vermeiden in einer Welt voller Werbelogos und -botschaften?
Wir können keine klinische, markenfreie Welt im Fernsehen schaffen. Die Darstellung auch von Waren ist ja nicht generell verboten. Schleichwerbung indes ist rechtlich eindeutig definiert. Sie darf es in unseren Programmen nicht geben.
Aus der Staatskanzlei von Ministerpräsident Wulff war zu vernehmen, der neue Staatsvertrag mit dem NDR mache das Vorgehen gegen Schleichwerbung einfacher, weil er die Prüfungsrechte der Landesrechnungshöfe erweitert auf die Töchter und Enkeltöchter des Senders und damit auch auf das Studio Hamburg. Ist das aus NDR-Sicht richtig?
Beim NDR und seinen Beteiligungsgesellschaften hat sich Schleichwerbung auch nach intensiver Prüfung nicht als grundlegendes Problem erwiesen. Weil sich bei der Vermeidung und Abwehr von Schleichwerbung bereits die vorhandenen internen Vorkehrungen als wirksam erwiesen haben, kommt den neuen staatsvertraglichen Regelungen aus NDR-Sicht in diesem Zusammenhang keine neue Rolle zu.

• Der kleine Erfolg: