Das GANZE Werk - Presseschau
Frankfurter Rundschau, 27. August 2005
Interview mit WDR-Intendant Fritz Pleitgen

Schleichwerbung? Aber das haben wir doch immer so gemacht! „Der Fahnder“ Klaus
Wennemann (Mitte) mit Kollegen und Belegen.
„Sponsoring nur bei Sport“
WDR-Intendant Fritz Pleitgen will sich bei Werbung von Privatsendern abgrenzen
| WDR-Indendant Fritz Pleitgen |
![]() Fritz Pleitgen ist seit 1995 Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR) (ao) |
Frankfurter Rundschau: Haben Sie in diesem Sommer schon Urlaub gemacht?
Fritz Pleitgen: Am Bodensee! Zwölf Tage lang. Ich hab' mich sportlich betätigt und viel mit dem Sender telefoniert. Beides höchst intensiv!
Wobei hin und wieder der Begriff Product Placement gefallen sein dürfte. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als WDR-Intendant seit Bekanntwerden der Schleichwerbungspraktiken als oberster Krisenmanager der ARD in Erscheinung getreten sind? Der ARD-Vorsitz liegt ja derzeit beim BR, der auch an der Bavaria beteiligt ist.
Das ergab sich zwangsläufig, da der WDR über seine Werbetochter nunmal der größte Gesellschafter der Bavaria ist. Der Intendant des BR, Herr Gruber, hat als amtierender ARD-Vorsitzender genug zu tun.
Wie ist der Stand der Dinge? Haben Sie inzwischen alle Fälle von Product Placement in Produktionen der Bavaria und ihrer Tochterfirmen aufgedeckt?
Anfangs haben wir einen Zeitraum von drei Jahren intensiv untersucht. Dann wollten wir natürlich wissen, was in den Jahren davor gewesen ist. Ich denke, dass wir vielleicht schon bis Mitte September im wesentlichen damit durch sind und eine abschließende Bilanz ziehen können.
Was lassen Sie derzeit sichten und wie weit wollen Sie dabei zurückgehen?
Es handelt sich vornehmlich um Produktionen der Bavaria-Tochter Colonia Media wie die WDR-Tatorte, Schimanski, die Serie Der Fahnder und einzelne Fernsehspiele. Dabei geht es um einen Zeitraum von elf Jahren, seit Gründung der Colonia Media.
Von anderen ARD-Sendern ist ein derartiger Aufklärungseifer bislang nicht bekannt geworden...
| Interview |
Fritz Pleitgen ist seit 1995 Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Sein Vorgänger war Friedrich Nowottny. Pleitgen kam 1963 zum Kölner ARD- Sender, anfangs als Redakteur für Politik, Sport und Reportagen. Später war er ARD-Korrespondent in Moskau und in den USA. Als Chefredakteur Fernsehen beim WDR war Pleitgen von 1988 bis 1993 verantwortlich für Politik und Zeitgeschehen. 1994 wurde er Hörfunkdirektor des WDR; als Intendant wurde er im Jahr 2000 wiedergewählt. Vom Skandal um Schleichwerbung ist Pleitgen besonders betroffen, weil der WDR an der Produktionsfirma Bavaria beteiligt ist, die für den Sender Folgen von „Tatort“, „Schimanski“ und „Der Fahnder“ herstellte, die mit Product Placement durchsetzt waren. seg |
Neben den Fernsehfilmen stehen ja auch Service-Sendungen wie Reise- oder Gesundheits-Magazine im Verdacht, es mit der Trennung von Journalismus und Werbung nicht so genau zu nehmen. Lassen Sie auch rückwirkend untersuchen?
Wir sichten vornehmlich das Repertoire-Programm. Das sind Sendungen, die immer wieder mal zur Wiederholung anstehen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Fernsehfilme. Wir haben uns von den Produzenten der Ratgeber- und Servicesendungen versichern lassen, dass bei den Produktionen der Grundsatz Trennung von Programm und Werbung eingehalten worden ist. Natürlich schauen wir selbst auch sehr genau auf Produktionen dieser Art.
Nun hat die ARD auch noch eine Programmbeobachtungsstelle Vorabend eingerichtet. Was macht die?
Die ist von den ARD-Werbetöchtern als Auftraggeber Vorabend-Produktionen eingerichtet worden. Da sitzen eigens geschulte Kräfte und beobachten das Programm auf mögliche Schleichwerbung.
Sollten Redakteure das im Rahmen ihres Jobs nicht ohnehin tun?
Schon, aber im Moment gehen wir da lieber auf Nummer sicher. Doch allzu skurril darf das auf Dauer natürlich nicht werden, damit wir später nicht mehr Beobachter als Programm-Macher haben. Was die Produktionen der Bavaria und ihrer Töchter angeht, bin ich mir im übrigen sicher, dass wir da in Zukunft gegen Schleichwerbung gefeit sind.
Wenn die Privaten die Legalisierung der Schleichwerbung ausgiebig nutzen, gibt es zwei Sorten von Fernsehen in Deutschland. Darauf würden wir das Publikum aufmerksam machen.
Lohnt denn der ganze Aufwand überhaupt? Vielen Zuschauern, so haben Umfragen ergeben, ist das Phänomen Schleichwerbung doch ziemlich gleichgültig.
Wir halten die strikte Trennung von Programm und Werbung für unabdingbar. Die Konsequenz, mit der wir nun die Aufklärung betreiben, sollte dafür ein Beleg sein.
Auch wenn sich ARD und ZDF in einem gemeinsamen Positionspapier strikt gegen jede Lockerung des Verbots von Schleichwerbung ausgesprochen haben, spricht einiges dafür, dass die zuständige EU-Kommission Ende September diese Lockerung beschließen wird. Werden Sie sich in diesem Fall an die strikte Trennung quasi als Selbstbeschränkung halten und sich dadurch um zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten bringen?
Natürlich. Wenn die Privaten dann die Legalisierung der Schleichwerbung ausgiebig nutzen, gibt es eben zwei Sorten von Fernsehen in Deutschland. Darauf würden wir das Publikum aufmerksam machen.
Aber kommen vor allem kleinere Produktionsfirmen, die seit Jahren über sich verschlechternde Bedingungen mit minimalen Gewinnspannen klagen, nicht unwillkürklich auf die Idee, durch Schleichwerbung ihre Budgets zu erhöhen?
Möglich. Aber deshalb werden wir an unseren Grundsätzen nicht rütteln lassen. Ich denke, dass alle Produzenten auch weiterhin ein Interesse haben, mit uns zusammenzuarbeiten. Zudem wollen wir ja zulässige Üblichkeiten beibehalten. Dass beispielsweise für eine Produktion Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden, wird von uns auch künftig akzeptiert, wenn dafür nicht Sonderleistungen erwartet werden. Wir werden keine eigenen Autos bauen und auch nicht alle Schriftzüge in einer Straßenszene überkleben lassen.
Können Sie erklären, wie es überhaupt möglich war, dass dieses Maß an Schleichwerbung bei der Bavaria über Jahre möglich war, ohne dass Gesellschafter, Aufsichtsgremien und Redaktionen davon etwas mitbekommen haben sollen? Selbst der gerichtliche Maulkorb für den Journalisten Volker Lilienthal, der die Geschichte ins Rollen gebracht hat, soll unbemerkt geblieben sein.
Ich habe von der ganzen Angelegenheit erst Mitte April dieses Jahres erfahren. Den Maulkorb hat im übrigen nicht die Bavaria, sondern eine Agentur erwirkt, über die das Product Placement im Marienhof abgewickelt wurde. Faktisch sind wir als Gesellschafter von der Geschäftsführung über diese Dinge nicht informiert worden, weshalb wir inzwischen auch die personellen Konsequenzen gezogen haben.
Und diese personellen Konsequenzen, die in der Entlassung von Bavaria-Chef Thilo Kleine gipfelten, reichen aus, um Vergleichbares künftig zu verhindern?
Mit den personellen Konsequenzen ist es natürlich nicht getan. Wir haben zusätzlich die Kontrollen verschärft, im Vorfeld, beim Dreh, bei der Abnahme und bei der Ausstrahlung. Die Verträge mit Produzenten werden Passagen über Sanktionen und Prüfrechte enthalten. Wie die und weitere Maßnahmen funktionieren, müssen wir sehen.
Für den Image-Schaden der ARD sind die Fälle Emig und Mohren ja noch gravierender, als das Thema Schleichwerbung. Schließlich hat sich dort auch der Journalismus als käuflich erwiesen...
In der Tat schaden uns diese Fälle sehr. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass Sportberichte verkauft wurden. Das hat uns wirklich hart getroffen.
Sind sie sicher, dass es derartige Praktiken in der Sportredaktion des WDR nicht gegeben hat?
Vor Überraschungen ist man natürlich nie sicher. Aber unsere Sportredaktion hat mein Vertrauen. Wir haben natürlich nachgefragt, unsere Kontrollmechanismen im eigenen Haus generell überprüft, nicht nur im Sport, und hier und da nachgebessert.
Beim Sport kommen die Sender sowieso nicht umhin, unentgeltlich großflächige Werbebotschaften ins Bild zu rücken. Aber sollten Moderatoren nicht inzwischen sensibilisiert sein, sich nicht so penetrant aus „Allianz-Arena“ zu melden?
Mag sein. Aber dass diese Veranstaltungsorte inzwischen so heißen, können wir nicht ändern. Besser klingen die Namen nicht. Deshalb braucht man sie nach meinem Geschmack bei Übertragungen nicht ständig zu nennen.
Wir sollten mit dem Sponsoring kürzer treten, weil es vom Zuschauer als Werbung wahrgenommen wird. Nach 20 Uhr sollten wir darauf nur im Umfeld von Sportübertragungen zurückgreifen.
Wenn Sie andeuten, sich künftig deutlicher als „das andere Fernsehen“ präsentieren zu wollen, könnte dazu auch ein Stück mehr Zurückhaltung beim legalen Sponsoring gehören, dessen Ausmaße auch am Abend viele Zuschauer zweifeln lassen, dass sie es mit einem werbefreien Programm zu tun haben?
Ich vertrete innerhalb der ARD schon seit mehr als fünf Jahren die Überzeugung, dass wir nach 20 Uhr auf Sponsoring nur im Umfeld von Sportübertragungen zurückgreifen sollten. Aber mit dieser Meinung stehe ich bisher allein.
Dafür war Sponsoring ja ursprünglich auch gedacht. Aber inzwischen wird ja so ziemlich jedes Programmhäppchen von Sponsorenhinweisen umrahmt. Wären etwa der Sportblock und die Wettervorhersage im Morgenmagazin ohne Sponsoring nicht finanzierbar?
Die KEF ist jedenfalls nicht unglücklich über Sponsoring, dessen Erlöse ja dem Programm zugute kommen und die Gebühren niedrig halten. Aber wie gesagt, ich bin dafür, dass wir mit dem Sponsoring kürzer treten, weil es vom Zuschauer als Werbung wahrgenommen wird...
Womit er ja nicht völlig falsch liegt...
…obwohl es formal etwas völlig anderes ist. Das Thema wird sicher bei uns noch mal behandelt, wenn die Ergebnisse der Arbeitsgruppe vorliegen, die das Thema Trennung von Programm und Werbung untersucht.
Interview: Reinhard Lüke

• Der kleine Erfolg: 
Fritz Pleitgen ist seit 1995 Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Sein Vorgänger war Friedrich Nowottny. Pleitgen kam 1963 zum Kölner ARD- Sender, anfangs als Redakteur für Politik, Sport und Reportagen. Später war er ARD-Korrespondent in Moskau und in den USA.