Das GANZE Werk - Presseschau

Frankfurter Rundschau, 18. Oktober 2005

NDR-Intendant Jobst Plog am 22. August zur Schleichwerbung: „Fakt ist, dass beim NDR sowie in der Studio Hamburg Gruppe vergleichbare Praktiken nicht möglich waren und sind.“

Die machen das

Der Norddeutsche Rundfunk muss einräumen, dass es bei "Tatort"-Folgen mit Manfred Krug Schleichwerbung gab

Von Jörn Breiholz

Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing? (NDR)

Nun ist die Schleichwerbung auch im NDR angekommen. Einige Folgen der „beliebten Tatort-Reihe“, nämlich „drei Tatorte aus der Mitte der 90-er Jahre“, sowie „einige weitere Produktionen aus dem Herstellungszeitraum“ listete die Pressestelle des Norddeutschen Rundfunks in einer dürren elf Zeilen- Meldung in der vergangenen Woche auf. Kein Statement eines Verantwortlichen, keine Einschätzung des Intendanten, noch nicht einmal ein Bedauern. „Schnellst möglich“ lautet die NDR-Devise, wenn es um die Aufdeckung von Schleichwerbung geht.

Recherchiert hatte den Skandal - wieder einmal - Volker Lilienthal vom Evangelischen Pressedienst (epd). Er hatte das product placement in der Vorabendserie Marienhof enthüllt. Während er eine Stellungnahme zu den nun inkriminierten Vorfällen im Tatort von den Verantwortlichen bei Studio Hamburg erfragte, informierte der Norddeutsche Rundfunk, der das Studio Hamburg als Tochterunternehmen betreibt, schon die Öffentlichkeit. Man könne dem NDR nicht übel nehmen, dass er von sich aus in die Offensive gegangen ist, sagt Lilienthal: „Shit happens.“

Rechnung über 27.000 Euro

Manfred Krug und die Telekom: Für viele Zuschauer nicht nur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sind das ehemalige Staatsunternehmen und der Schauspieler längst eine Einheit. Wer kennt nicht Krugs leutseligen Spruch: „Die von der Telekom, die machen das.“ Ausgerechnet Produkte der Telekom und von T-Online sollen in zwei Tatorten mit Krug und in drei Folgen von Die Männer vom K3 platziert worden sein - und ausgerechnet 1996: in dem Jahr, in dem die Telekom an die Börse ging. Nach den Unterlagen, die der Lilienthal zitiert, hat eine Dortmunder Agentur gut 27 000 Euro für „Telekom Placement“ in Rechnung gestellt.

Zahlen, die sich mit internen Untersuchungen bei Studio Hamburg decken. Bereits im Sommer 2005 hatten die Verantwortlichen im Rahmen einer ersten Inaugenscheinnahme die Tatort-Folgen überprüft und eine verdächtig lange T-Online-Suchmaske im Bild gefunden. Sensibilisiert durch die Diskussionen um Schleichwerbung und Krugs Werbejob bei der Telekom schnitt Studio Hamburg die Szene heraus.

Doch erst als Lilienthal seine Anfrage stellte, machten sich die Verantwortlichen auf die Suche und entdeckten Rechnungseingänge im Netto-Wert von 23.000 Euro. „Wir arbeiten die Dinge nach und nach ab“, sagt Sytze von der Laan, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Produktion von Studio Hamburg. Nach den Schleichwerbungsvorwürfen in der ARD habe man sich zunächst die Jahre 2000 bis 2005 vorgenommen und alle Produktionen überprüft, da diese Jahrgänge am ehesten wiederholt würden. Nun seien die Jahre 1996 bis 2000 dran. Bei den inkriminierten Tatort-Folgen sei man einfach noch nicht so weit gewesen, sagt van der Laan. Inzwischen wisse man aber, wer die nach den Richtlinien von Studio Hamburg verbotene Schleichwerbung betrieben habe: ein ehemaliger Produktions-Geschäftsführer bei Studio Hamburg, der inzwischen in Rente sei. „Man wundert sich immer wieder, warum ein Mensch in dieser Stellung wegen solch kleiner Summen so etwas macht“, sagt van der Laan.

Bisher galten NDR und Studio Hamburg in der Schleichwerbungsaffäre innerhalb der ARD als unbeleckt. Lediglich ein Fall ist bisher bekannt, in dem ein Geschäftsführer bereits nach Fertigstellung eines Kieler Tatort Lotto erfolgreich um 15.000 Euro angegangen war. Schleichwerbung war das im eigentlichen Sinne nicht; der Geschäftsführer ist inzwischen entlassen. In einem weiteren Fall in den nun komplett überprüften Jahren 2000 bis 2005, so van der Laan, seien 3.000 Euro einer Getränkefirma geflossen, besagtes Getränk in dem Film aber gar nicht aufgetaucht. NDR-Intendant Jobst Plog verkündete dann auch unter der Überschrift „Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ am 22. August zufrieden in einer Mitarbeiter-Mail: „Das systematisch rechtswidrige Vorgehen bei einer Reihe von Bavaria-Produktionen wird von Gegnern des öffentlichen Rechts der gesamten ARD in die Schuhe geschoben. Fakt ist jedoch, dass beispielsweise beim Norddeutschen Rundfunk sowie in der Studio Hamburg Gruppe vergleichbare Praktiken nicht möglich waren und sind.“

Der NDR bleibt dabei: Klar sei schon jetzt, dass es „bei der eventuellen Kooperation mit der Deutschen Telekom“ um einen einzelnen Verstoß gegen die erklärte Unternehmenspolitik von Studio Hamburg gehe; so NDR-Sprecher Martin Gartzke, und nicht um „systematische, von der Geschäftsleitung gebilligte Praktiken, wie sie bei der Bavaria üblich waren.“