Das GANZE Werk - Presseschau (Dokumentation)

Schweriner Volkszeitung, 22. Februar 2006

Eine Frage des Niveaus

Ein Gespräch mit Gerd Schneider,
Direktor des NDR-Landesfunkhauses Schwerin, über Kulturförderung zwischen Gießkanne und Leuchtturm

Interview: Michaela Christen

Schwerin • Die Etats in der öffentlichen Kulturförderung sinken. Kommunale und freie Träger müssen sparen und stehen bei großen Kulturförderern wie dem NDR Schlange. Wir sprachen mit Gerd Schneider, dem Leiter des NDR-Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern, über die Möglichkeiten und Grenzen der Kulturförderung zwischen Gießkanne und Leuchtturm.

Angesichts der aktuellen Kürzungsdebatten bekommt man den Eindruck, unserem Land droht ein kultureller Kahlschlag. Hat Mecklenburg-Vorpommern zu wenig oder zu viel Kultur?

Schneider: Kultur ist einer der wichtigsten Bodenschätze des Landes, aber er wird von der Politik nicht so wahrgenommen. Diese Substanz zur positiven Imagebildung liegt noch weitgehend brach. Das Land, aus dem ein Uwe Johnson kommt, ein Fritz Reuter, ein Caspar David Friedrich – es zeigt seine kulturellen Bodenschätze nicht genug. Kurzum: MV hat viel Kultur, macht aber zu wenig daraus.

Kultur ist eine identitätsstiftende Kraft

Ist die Politik blind für diesen Schatz?

Schneider: Das Problem besteht eher darin, dass Kultur von der Politik oft als lästige Pflichtübung angesehen wird und nicht als identitätsstiftende Kraft. Mit Wellness, Ostsee und schöner Landschaft wird das Tourismusland MV aber auf Dauer nicht seine Unverwechselbarkeit herausstellen können. Doch genau auf diese Einzigartigkeit kommt es Besuchern an. Sie wollen Einmaliges erleben. Wir haben das bei der Backsteingotik gesehen. Als Professor Gottfried Kiesow von der Deutschen Stiftung für Denkmalpflege kam und den Schatz gehoben hat, der uns die ganze Zeit zu Füßen lag, wurde „Die Straße der Backsteingotik“ plötzlich zu einem Riesenereignis, das zigtausende Besucher anzog.

Es fehlt aber nicht nur an solchen Initiativen, sondern auch am Geld. In der Kultur regiert der Rotstift. Ist das vertretbar?

Schneider: Kürzungen mit dem Rasenmäher sind ebenso falsch wie Gießkannenförderung. Die Frage ist doch, wie viel Kulturförderung sich ein Land mit 1,7 Millionen Einwohnern bei der gegenwärtigen Kassenlage leisten kann. Das muss nicht Kulturabbau bedeuten. Das muss heißen, dass Kooperationen eingegangen werden, um die Substanz zu erhalten, um Kultur in der Fläche anzubieten und dabei auch noch ein paar Leuchttürme hervorzubringen, die über die Landesgrenzen hinausstrahlen.

Bereitschaft zu Entscheidungen fehlt

Kommt das nicht einer Quadratur des Kreises gleich?

Schneider: Eben nicht. Wir brauchen eine deutliche Konzentration der kulturellen Förderung, um ein bestimmtes Niveau zu halten. Doch setzt eine solche Förderpolitik die Bereitschaft zu durchgreifenden Entscheidungen voraus. In der Theater- und Orchesterförderung müssen deutlichere Signale gesetzt werden. Was sich in Vorpommern und in Neubranburg-Neustrelitz an Kooperationen entwickelt hat, ist beispielhaft.

Wenn aber die vier Orchester im Land gleichmäßig abgeschmolzen werden, dann laufen wir Gefahr, dass wir überall bei Opernkapellen landen, die weder für namhafte Dirigenten noch für internationale Musiker und schließlich auch nicht mehr für ein anspruchsvolles Klassik-Publikum interessant sind. Wir brauchen neben der kulturellen Grundversorgung auch Spitzenangebote, um Besucher ins Land hinein zu holen. Die Pläne für ein Landessinfonie-Orchester liegen seit langem auf dem Tisch.

Der NDR leistet sich vier eigene Klangkörper, davon zwei Orchester, aber nicht eines ist in Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt. Sollte der Sender selbst nicht mehr für die Kultur im Land tun?

Schneider: Als Vierländeranstalt konnten wir nicht einen der traditionsreichen Klangkörper in Hamburg und Hannover dichtmachen, um hier ein neues Orchester für Rundfunkaufnahmen zu gründen.

Der NDR ist einer der wichtigsten Partner der Kultur in MV. Nicht nur finanziell, sondern auch mit seinen Programmen. Das NDR Fernsehen, NDR 1 Radio MV und insbesondere NDR Kultur bringen mit ihren Sendungen die Kultur des Landes in die Wohnzimmer. Unsere beiden Orchester treten auch regelmäßig zu Spitzenkonzerten im Land auf.

Manchmal habe ich aber den Eindruck: Je mehr wir tun, desto heftiger werden wir kritisiert. Wenn beispielsweise das Neubrandenburger Filmfestival DokArt sein Profil immer mehr dem Schweriner Filmkunstfest angleicht, dann stellt sich für einen Kultur-Förderer die Entweder-oder-Frage. Wir können nicht alles fördern. Schon gar nicht identische Konzepte. (...)