Das GANZE Werk - Presseschau

Peter Kern
Jan Schulte-Kellinghaus

Arroganz? Macht? Größenwahn?
Junger Aufsteiger (35, re.) zu einem anerkannten Schauspieler, Regisseur, Produzenten und Autor (57, li.)


Zitate von Peter Kern zu seinem Telefongespräch mit dem NDR-Unterhaltungschef Jan Schulte-Kellinghaus::

Er versucht mir zu erklären, warum man mich jetzt nicht mehr in der Show haben will.
Ich versuche zu verstehen, warum meine Abwesenheit höhere Einschaltquoten bringen soll.
„Sie zählen zur Hochkultur. (...) Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Frau Julia Westlake moderiert auch die Sendung ,Kulturjournal’.“
„Was machen Sie mit den enttäuschten Zusehern, die mich vielleicht gerne in der Talkshow sehen wollen?“
„Wir könnten schon sagen, daß Sie erkrankt sind. Sie stehen ja nicht auf einer ,schwarzen Liste’. Das gilt ja nicht für immer, ich habe ja nichts gegen Sie, im Juni schaut alles schon wieder anders aus.“
Öffentlich unsichtbar – in der Kultur und im Sommerloch.
„Ich denke, Herr Unterhaltungschef, den Fall müßte man publizieren.
„Wenn Sie diese Angelegenheit veröffentlichen, was wenig sinnvoll ist, dann werden Sie wohl in dem gesamten Sendegebiet des NDR nicht mehr auftreten dürfen.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. April 2006

Zu Höherem bestimmt

Wie ich einmal in Wien vorm Fernseher saß und auf diese Weise die Quote der NDR-Talkshow rettete

Von Peter Kern

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Rosa von Praunheim greift nach unten, der Moderatorin Julia Westlake stockt der Atem, die Talkshow-gäste schauen sich fragend in die Augen. Rosa von Praunheim zeigt eine Puppe mit erigiertem Penis. Über solche Momente freut sich am nächsten Tag die „Bild“-Zeitung, aber das Publikum vor den Fernsehschirmen hatte gar nicht erst eingeschaltet. Ein neuer Moderator hatte Jörg Pilawa vertreten und damit die Quote gekillt.

Krisensitzung in der Chefetage des NDR. Der Unterhaltungschef Jan Schulte-Kellinghaus greift ein. Gerade erst hatte er einen Mißgriff mit der Auswahlshow des Eurovision Song Contest hinter sich und Vicky Leandros auf der Strecke traben lassen, jetzt geht es darum, einem Zugpferd, der NDR-Talkshow, den Galopp beizubringen.

Peter Kern am 17. Dezember 2002 in der NDR-Talkshow                            Foto inter Topics
Neben Altrocker Peter Kraus, der göttlichen Nina Hagen, dem obligatorischen Kabarettisten (diesmal B-Kategorie Bender), einer Krebspatientin (Krebswoche in der ARD) und Bestseller-Autor Heiner Lauterbach wurde ich eingeladen. Ein Redakteur ruft fast täglich an, recherchiert Biographisches und Künstlerisches. Im Laufe meines Künstlerlebens der vierte Besuch im ehrenwerten Haus des NDR. Man wollte mich unbedingt exklusiv präsentieren, so mußte ich andere Talkshows verschieben. Heiner Lauterbach darf seine Frauen und Drogengeschichten öfter erzählen. Lang und breit berichtet er bei „Beckmann“ von seinem Drogenkonsum in der Jugend und dem Spaß, den er dabei hatte. Am Ende der Show beschwört er die Jugend, „keine Drogen zu nehmen“. Er ist NDR-Talkshow-tauglich.

Acht Tage vor meinem Auftritt ruft mich Clemens Teichmann, Redakteur und guter Geist der Sendung, an und teilt mir mit Bedauern mit, daß er mich auf höhere Weisung des Herrn Jan Schulte-Kellinghaus ausladen müsse. Das sei nichts Ungewöhnliches, fügt er hinzu, das komme so acht bis zehn Mal im Jahr vor. Er werde aber über diese Entscheidung noch nachdenken. Der Unterhaltungschef des NDR ist auch für die Schmuserunde bei „Beckmann“, die Politfarce der Frau Christiansen und die immer lustigen Mädels „Herman und Tietjen“ verantwortlich. Freitag vor einer Woche zeigte er bei „Herman und Tietjen“ einen besonderen Quotenbrüller. Da ließ sich ein Intendant (Professor Jobst Plog) im eigenen Sender vom anderen Intendanten (Fritz Pleitgen, WDR) ein süßes, kleines, schickes, buntes Büchlein zum Geburtstag schenken. Über soviel Selbstverliebtheit half nicht mal eine Allergieärztin aus Leipzig hinweg, die sich den NDR-Intendanten mit Akupunkturnadeln vornahm. Und dann war es soweit, der Abspann lief, und Frau Tietjen sagte: „Die Kollegen aus Hamburg haben nächste Woche Peter Kern zu Gast.“

Ich reise mit meinem neuen Film „Donauleichen“ durch Deutschland, von Stadt zu Stadt, und freue mich über eine neue Streitkultur. Mein Film wird geliebt und gehaßt. Next Stop Hamburg, denke ich, da erreicht mich ein Anruf von Herrn Jan Schulte-Kellinghaus. Er versucht mir zu erklären, warum man mich jetzt nicht mehr in der Show haben will. Ich versuche zu verstehen, warum meine Abwesenheit höhere Einschaltquoten bringen soll: „Sie zählen zur Hochkultur.“ – „Sie brauchen ja keine Ausschnitte aus meinem Film zu zeigen, wenn der Ihnen nicht gefällt, fragen Sie mich nach meiner neuen Hüfte, ein Thema das Ihr Publikum sicher interessiert.“ Ich glaubte schon, der Unterhaltungschef habe aufgelegt, denn ich lauschte in eine lange Stille. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Frau Julia Westlake moderiert auch die Sendung ,Kulturjournal’.“ Er will mich nicht in der Talkshow haben, dabei habe ich mit meinen 160 Kilogramm viel Oberfläche für ein breites Publikum. „Über ein Ausfallhonorar reden wir noch“, setzt er nach. Wen er nicht brauchen kann, den schickt er in die Kultur. Kultur hat keine Quoten, die Sendung sieht niemand, da kann er verstecken, wen er in der NDR-Talkshow nicht zeigen kann.

„Was machen Sie mit den enttäuschten Zusehern, die mich vielleicht gerne in der Talkshow sehen wollen?“ – „Wir könnten schon sagen, daß Sie erkrankt sind. Sie stehen ja nicht auf einer ,schwarzen Liste’. Das gilt ja nicht für immer, ich habe ja nichts gegen Sie, im Juni schaut alles schon wieder anders aus.“ Öffentlich unsichtbar – in der Kultur und im Sommerloch. „Ich denke, Herr Unterhaltungschef, den Fall müßte man publizieren.“

„Wenn Sie diese Angelegenheit veröffentlichen, was wenig sinnvoll ist, dann werden Sie wohl in dem gesamten Sendegebiet des NDR nicht mehr auftreten dürfen.“ Das klang ein bißchen nach Erpressung, ist es aber nicht, man präsentierte mich doch, aber zeigte mich nicht. Ich frage bei der Bremer Talkshow „3 nach 9“ nach. Der Redakteur überlegt, mich einzuladen – aber dann heißt es: „Leider, Peter Kern wurde schon von der NDR-Talkshow gebucht.“

Freitag abend: Premiere mit dem Theaterstück „Boulevard Sevastopol“ im Wiener Akademietheater. Ein Rollenspiel über die Erfindung des eigenen Schicksals. Danach rase ich nach Hause, um die letzten zehn Minuten der NDR-Talkshow zu sehen. Das Rollenspiel geht weiter. Hannes Bender erzählt von seinem Stuhlgang. Er drückt und drückt, dabei kommt ihm die Stimme von Herbert Grönemeyer über die Lippen. Nina Hagen lacht gar nicht mehr. Jetzt hätte ich sie sicher umarmt. Aber ich war zu Höherem bestimmt. In Abwesenheit wurde ich zum Quotenbringer der NDR-Talkshow.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors, Peter Kern