Das GANZE Werk - Presseschau

Hamburger Abendblatt, 19. April 2006

Elbphilharmonie in Hamburg

Das Runde kommt ins Eckige

Der Architektenentwurf wurde vorgestellt. Die Studien der Konzerthaus- Architekten zeigen weitreichende Änderungen der Entwürfe für den Neubau.

Von Joachim Mischke

Der aktuelle Stand der Planung: weniger streng gerundet und mit einem Schallreflektor zur besseren Akustik. Foto: Herzog & De Meuron
Hamburg - Bislang zeigte der digitale Entwurf für den Großen Saal der Elbphilharmonie eine Vision, die wie rundgelutscht wirkte: kaum Ecken, kaum Kanten. Alles floß. Diese Studie ist mittlerweile Vergangenheit, denn gestern wurde der Architektenentwurf von Herzog & de Meuron vorgestellt, in dem der 2.150-Sitze-Saal auf dem Kaispeicher A einen deutlich anderen, kantigen Charakter erfahren hat: Auf den unteren, polygonalen Ebenen verschachteln sich die Publikumssegmente gegeneinander, je weiter man nach oben kommt, desto weniger markant werden diese Übergänge.

Das Podium fürs Orchester, mit dem Dirigentenplatz als „Schwerpunkt des gesamten Gebäudes“, ist nach wie vor sehr zentral gelegen. Die Zahl der Plätze hinter dem Orchester wurde allerdings, wohl auch der besseren Vermarktbarkeit wegen, um 200 reduziert. Rechts oben könnte, wenn man sich denn dafür entscheidet, ein über drei Etagen gepflanzter „Orgelwald“ entstehen. Spektakulärste Neuerung jedoch ist der Reflektor, der wie eine Mischung aus Duschkopf und Hörrohr tropfenförmig aus der jetzt spitz nach oben zulaufenden Saaldecke ragen soll. Mit ihm, erklärte Architekt Ascan Mergenthaler, werde es dem Akustiker Yasuhisa Toyota möglich sein, den Saal kurz vor seiner Fertigstellung durch Justieren der Höhe buchstäblich feinzustimmen. Ist die Idealposition für die Schallreflexion einmal gefunden, wird der Reflektor fest verankert; für Konzerte mit elektrischer Verstärkung wolle man im Saal mit Vorhängen arbeiten. Außerdem überlege man, wie man dieses dominante Element in die Beleuchtungsplanung einbeziehen kann. Mit der Farbgebung werde noch experimentiert, der Saal solle variabel „lichtpulsieren“ können.

Man sei in mehreren Punkten auf die Wünsche der Bürgerschaft eingegangen, erläuterte Projektkoordinator Hartmut Wegener: Die Zahl der Stellplätze im Parkbereich des Kaispeichers sei von rund 720 auf etwa 590 verringert worden, der so entstandene Platz wurde mit Nutzungen aus dem Philharmonie-Neubau belegt, so daß dort mehr vermarktbare Flächen entstanden.

Das Klingende Museum soll auf rund 400 Quadratmetern im Kaispeicher untergebracht werden, ebenso viele Backstage-Bereiche, die nicht wie die Stimmzimmer unbedingt in unmittelbarer Bühnennähe vorhanden sein müssen. An den höchsten Punkten der Dachkonstruktion soll es zwei Aussichtsterrassen geben, allerdings nicht für den „normalen“ Publikumsverkehr zugänglich. Die Rolltreppe, die durch den Kallmorgen-Bau auf die Plaza in 37 Meter Höhe führt, macht einen Zwischenstopp am Balkon auf der Westseite des Kaispeichers. Dort entsteht eine Aussichtsebene, darunter eine Panorama-Gastronomie.

Eine gute Nachricht für alle Hafen-Nostalgiker: Die Kräne an der Wasserseite bleiben erhalten, sie werden restauriert und - der neuen Zugangshöhe des Kaispeichers angepaßt - wieder aufgestellt. Zur Verbesserung der Energiebilanz wird Solarstromgewinnung zum Einsatz kommen. (...)

Nicht nur das Innere der Elbphilharmonie machte ein Design-Update durch, auch die Anmutung der Fassade hat sich geändert: Dort sorgen horizontale und vertikale Auswölbungen in den Glassegmenten für neue Konturen, durch Bedruckung der Oberfläche erhält das Gebäude eine andere Gesamtwirkung.

Für angeregte Diskussionen hinter den Kulissen der Kulturbehörde und der Stiftung Elbphilharmonie dürfte eine Äußerung Mergenthalers sorgen: Auf die Wahrzeichenfunktion des Projekts Elbphilharmonie angesprochen, um die sich die gesamte offizielle Image- und Spendensammel-Kampagne („Hamburg baut ein Wahrzeichen“) dreht, entgegnete er: „Man kann kein Wahrzeichen bauen. Ein Gebäude kann sich nur zu einem Wahrzeichen entwickeln.“